Immer wieder erschüttern Fleisch-Skandale die Öffentlichkeit. In »Freiheit für Tiere« 3/2014 stellen wir die PETA-Recherche über eine Schweinemastanlage im Kreis Soest sowie die Strafanzeige gegen die Puten-Elternfarmen
vor. Mit Recherchen und Strafanzeigen trägt die Tierrechtsorganisation
PETA ganz wesentlich zur Aufdeckung solcher Skandale bei.
»Freiheit
für Tiere« sprach mit Dr. Edmund Haferbeck, Agrarwissenschaftler und
Leiter der Wissenschafts- und Rechtsabteilung von PETA.
Freiheit für Tiere: Immer wieder erschüttern Fleisch-Skandale die Öffentlichkeit, so vor kurzem der
Skandal um den Mega-Schlachthof VION in Schleswig-Holstein,
wo viele Tiere auseinander geschnitten wurden, während sie noch bei
Bewusstsein waren. Mit Recherchen und Strafanzeigen trägt PETA ja ganz
wesentlich zur Aufdeckung solcher Skandale bei!
Dr. Edmund Haferbeck:
Unsere Förderer beauftragen uns als PETA, solche schwierigen
Ermittlungen vorzunehmen und diese auch effektiv publik zu machen. Aber
das geschieht nicht der Publicity wegen, sondern weil PETA, auch
zusammen mit »Freiheit für Tiere«, das »System Tierausbeutung« zur
Abstellung bringen möchte. Die VION-Ermittlung begann bereits 2011. 2012
hatten wir Strafanzeige erstattet. 2014 kam dann die große Razzia mit
250 Polizisten. Und erst jetzt haben wir unsere
Dokumente publiziert. Dies war strategisch der richtige Weg.
Auch bei den
Puten-Elterntierfarmen
sind wir so vorgegangen, die Undercover-Ermittlung fand bereits 2012
statt. Jetzt ist die Zeit reif für die Veröffentlichung dieser bislang
überhaupt noch nicht im Fokus der Öffentlichkeit stehenden
Produktionsstufe ganz am Anfang der Tierqualkette. Bio oder
konventionell: Für die Tiere gibt es so gut wie keinen Unterschied, nur
der Mensch versucht, sein Gewissen über den Griff zu »Bio«-Fleisch oder
Eiern zu beruhigen.
Freiheit für Tiere: Ist das,
was durch die Aufdeckung solcher Skandale an die Öffentlichkeit kommt,
nicht nur die Spitze des Eisbergs? Weltweit werden schließlich 95
Prozent der Tiere in der industriellen Tiermast »gehalten«, vegetieren
also auf engstem Raum in riesigen Massenhaltungsbetrieben. An dich als
Agrarwissenschaftler, der »Tierproduktion« in der Landwirtschaft
studiert hat, die Frage: Kann es überhaupt so etwas wie »artgerechte
Haltung« für Fleisch-, Milch- und Eierproduktion geben?
Dr. Edmund Haferbeck:
Klare Antwort - und zwar fachlich und nicht emotional gemeint: Nein!
Bereits im agrarwissenschaftlichen Studium der Tierproduktion geht es um
nichts anderes als um »Tiermaterial«, aus dem noch mehr herauszuholen
sein muss, sei es durch eine noch zugespitztere Züchtung (krank
gezüchtete Turborassen) oder durch rationellere Haltungsbedingungen, an
die immer die Tiere angepasst werden - und nicht umgekehrt. Es ist gar
nicht möglich, Tiere in solchen Massenhaltungen auch nur ansatzweise
»artgerecht« zu halten. Ganz im Gegenteil: Es handelt sich um
Tierquälerei - und die ist nicht die Ausnahme, sondern systemimmanent.
Hinzu kommt: Kein Tier ist dafür da, auf dem Teller des Menschen zu
landen, und das teilweise dreimal pro Tag. Diese Wahrheit lässt sich in
den Ursprüngen aller Weltreligionen finden. Verfassungsrechtlich und
gesetzlich sprechen wir zumindest in Deutschland mittlerweile von
»Mitgeschöpfen«, die zu schützen sind, doch in der Realität ist die
Ausbeutung der Tiere in allen Bereichen an Brutalität kaum zu
übertreffen.
Freiheit für Tiere: Ist nicht
letztlich das Eintreten für Tierrechte auch ein Eintreten für
Menschenrechte? Der Zusammenhang zwischen Fleischkonsum und dem Hunger
von einer Milliarde Menschen dringt ja auch immer mehr an die
Öffentlichkeit.
Dr. Edmund Haferbeck: Es ist sehr
gut, dass dieser ebenfalls fachlich zu bejahende Zusammenhang von
»Freiheit für Tiere« hergestellt wird - dieser globale Folgenansatz für
die systemimmanente Tierquälerei wird allzu wenig berücksichtigt. Jean
Ziegler, ehemaliger Sonderberichterstatter der UN für das Recht auf
Nahrung, sagte sinngemäß: Alle paar Sekunden wird ein Kind ermordet -
wegen des Fleischkonsums bei uns und weil wir extrem wertvolle und
wichtige pflanzliche Lebensmittel in den Futtertrögen der
Massentierhaltung vernichten. Wie groß kann eigentlich ein Verbrechen
sein, das Verhungern von Menschen billigend in Kauf zu nehmen? Fleisch
frisst unseren blauen Planeten auf!
Freiheit für Tiere:
Um 1 Kilo Fleisch zu erzeugen, werden bekanntlich 16 Kilo Getreide
benötigt. Was ist mit den anderen 15 Kilo? Werden nicht letztlich für
jedes Kilo Fleisch 15 Kilo Getreide in Mist, Gülle und klimaschädliche
Gase verwandelt?
Dr. Edmund Haferbeck: Und dieser
Vernichtungsprozess wird von der Agrarwissenschaft, natürlich fachlich
korrekt, als »Veredelung« verballhornt - es gibt kaum eine größere Lüge.
Nicht nur die 15 Kilo Getreide, sondern auch 15.000 Liter reinsten
Trinkwassers, mehrere Tausend CO2-Äquivalente und die großflächigen
Rodungen in den Regenwäldern stehen hinter diesem Vernichtungsprozess.
Man muss ja auch bedenken, dass der so genannte »Ausschlachtungsgrad«
nur, von Tier zu Tier schwankend, bei ca. 60 Prozent liegt, also nur ein
Teil der Rinder, Schweine, Geflügel dann letztlich als »Holocaust auf
dem Teller« landet - es gibt keine größere Verschwendung auf diesem
Planeten als die Fleischproduktion - fachlich zigfach von UNO und der
Wissenschaft bestätigt.
Freiheit für Tiere: Jeder,
der sich für eine rein pflanzliche Lebensweise entscheidet, tut auf so
vielen Ebenen etwas Gutes: für die Tiere, gegen den Hunger in der Welt,
für das Trinkwasser, für die Umwelt und gegen die Naturzerstörung, für
das Klima und schließlich auch für die eigene Gesundheit. Haben wir als
Verbraucher nicht eine viel größere Macht als wir denken?
Dr. Edmund Haferbeck:
Durchschnittlich drei Mal am Tag haben wir »Macht« - wir entscheiden
über das, was wir essen. Schon ein Tag Verzicht auf tierische Produkte
in einer Großstadt rettet hunderttausenden Tieren das Leben, spart
Millionen Liter an wertvollem Trinkwasser ein, verhindert zigtausende
Tonnen klimaschädliche Emissionen - und der Gesundheitszustand des
Menschen verbessert sich ebenfalls.
Das Gespräch mit Edmund Haferbeck führte Julia Brunke, Redaktion »Freiheit für Tiere«