Umbau der Landwirtschaft gefordert
Umbau der Landwirtschaft gefordert
Breites gesellschaftliches Bündnis fordert Existenzsicherung bäuerlicher Betriebe (Foto: CCO, Pixabay)
„Wertschöpfung schaffen!“ lautet der dringende Appell mit dem die
Kampagne „Meine Landwirtschaft“ auf die existenzbedrohende
wirtschaftliche Lage vieler deutscher und europäischer Höfe reagiert. In
einem heute veröffentlichten Aktionsprogramm wendet sich das Bündnis
aus 45 Organisationen an Bund und Länder und legt konkrete
Sofortmaßnahmen vor, die beispielsweise die kurzfristige
Milchmengenregulierung und die Umschichtung von 500 Millionen Euro aus
der Flächensubvention in den Topf für tier- und umweltfreundliche
Landwirtschaft vorsieht. Langfristig müsste die Gemeinsamen Europäischen
Agrarpolitik (GAP) umgebaut werden.
Vielen bäuerlichen Betrieben fehlt in diesen Tagen der schweren Krise
oft die wirtschaftliche Perspektive und sie sind vielerorts zur Aufgabe
gezwungen. Allein 2015 gaben 3200 Betriebe in der Milchviehhaltung auf.
Eine wesentliche Ursache dieser existenziellen Krise liegt in der
zunehmenden Intensivierung und starken Exportorientierung der
Landwirtschaft, welche von der Politik in Berlin und Brüssel in den
vergangenen Jahrzehnten massiv vorangetrieben wurde. Die starke
Steigerung der landwirtschaftlichen Produktion geht dabei oft auf Kosten
der Umwelt, des Tierschutzes und der Länder des globalen Südens. Doch
die versprochenen kaufkräftigen Absatzmärkte stellten sich als
Fehlprognose heraus. Es entstanden riesige Produktionsüberschüsse, die
zu einem massiven Verfall der Preise führten – und so zum Ruin vieler
Landwirte werden.
Deshalb müssten die Gelder der EU-Agrarförderung zweckgebunden
eingesetzt werden und bei denen ankommen, die sich für tiergerechte
Haltung, Agrarumweltmaßnahmen, Weidemilchprojekte und den Ökologischen
Landbau in ihrer landwirtschaftlichen Praxis einsetzten. „Wir fordern
die Bundesregierung auf, die Gelder für Programme der ländlichen
Entwicklung von bislang 4,5 auf die möglichen 15 Prozent aufzustocken
sowie eine höhere Förderung der ersten Hektare“, so Martin Schulz,
Bundesvorsitzender der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft
(AbL). Immer mehr Verbraucher sind bereit mehr zu zahlen, wenn Herkunft,
Tierhaltungsform und positive Umweltwirkung auf den Produkten erkennbar
sind, ist sich Jochen Fritz, Sprecher der Kampagne, sicher. Dies sei
eine enorme Chance für den heimischen Markt, die derzeit bisher
ungenutzt bliebe. Denn die heimische Öko-Erzeugung hält mit dem Wachstum
des Marktes derzeit nicht Schritt. Für die Entwicklung des bäuerlichen
Öko-Landbaus müssten dann aber auch „ausreichend Mittel für die
Umstellung bereitgestellt werden“, so Antje Kölling von Demeter.
Fehlanreize gehören abgeschafft, so Thomas Schröder, Präsident des
Deutschen Tierschutzbundes und eine tiergerechte Nutztierhaltung
unterstützt:„Erst wenn Landwirte angemessene Erlöse für ihre Produkte
erhalten und eine gesellschaftlich erwünschte Tierhaltung mit
öffentlichen Geldern gefördert wird, kann ein hohes Tierschutzniveau
etabliert werden.“ Auch die Umwelt würde von einem Umbau der
Nutztierhaltung, der den Tierbestand an die Fläche bindet, profitieren.
Denn obwohl der Fleischkonsum in Deutschland seit Jahren rückläufig ist,
steigt die Fleischproduktion in überproduzierenden Megaställen. Die
dabei anfallende Gülle und der damit einhergehende Stickstoffüberschuss
gehöre zu den derzeitig größten Umweltproblemen, so Hubert Weiger,
Vorsitzender des Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND).
Ab morgen diskutieren Aktive aus der Wir haben es satt!-Bewegung auf
einem viertägigen Kongress Themen um das Motto „Landwirtschaft Macht
Essen“. Auf Einladung der Kampagne „Meine Landwirtschaft“ werden sich
auch Verbandsvertreter und Politikerinnen in öffentlichen
Veranstaltungen zu den globalen Machtverhältnisse im Agrar- und
Ernährungssektor positionieren. Die nächste Wir haben es
satt!-Demonstration ist für den 21. Januar 2017 angekündigt.