Sehr geehrter Herr
Paukstadt,
im Jahr 2011 gab es einen Kanzleramtsminister, der hieß Ronald
Pofalla. Ganz richtig, das ist derselbe Pofalla, den man phänotypisch und
ethnisch mit Norbert Röttgen verwechseln könnte, der immer noch CDU-Vorsitzender
werden will, falls es vor 2024 noch mal einen CDU-Parteitag geben sollte.
Röttgens Kandidatur war allerdings schon vor der Seuche chancenlos. Aber wie
sähe die Welt aus, wenn nicht unablässig Menschen Dinge probieren würden, die
eigentlich chancenlos sind? Zwar werden diese Dinge auch meistens nichts, und
wenn das Ergebnis nicht ganz schlimm ist, dann findet sich bestimmt einer oder
eine, der oder die von der „neuen Kultur des Scheiterns“ und der
„Fehlertoleranz“ redet. Ich habe nichts gegen Fehler, solange es keine dummen
Fehler sind. Wer allerdings die Freiheit, Fehler zu machen, gleich zur
Unternehmensphilosophie erhebt, neigt entweder zum Laberschädeltum oder ist ein,
vielleicht auch unbewusster, Pofalla-Nahesteher.
Aber eigentlich wollte
ich ja vom Kanzleramtsminister Pofalla erzählen. Der nämlich sagte im Oktober
2011 den schönen Satz: „Ich kann deine Fresse nicht mehr sehen.“ Angesprochen
wurde damit der CDU-Abgeordnete Wolfgang Bosbach, der damals und auch später
noch tatsächlich eine, sagen wir mal, ungewöhnlich große Medienpräsenz hatte.
Damals ging es um den Euro, um Griechenland, den Rettungsschirm etc. Bosbach
ließ kaum eine Gelegenheit aus, sich mindestens skeptisch gegenüber der
sogenannten Rettungspolitik zu äußern. Man musste ihm eigentlich nur ein
Mikrofon hinhalten (oder etwas, das so aussah wie ein Mikrofon), und schon
begann Bosbach, sich durchaus nachdenklich, aber eindeutig zu distanzieren,
nicht vom Mikro, sondern von der Regierungspolitik.
Der Politik- und vor
allem der Medien- und Öffentlichkeitsbetrieb braucht Leute wie Bosbach. Sie
zeichnen sich einerseits dadurch aus, dass sie dem Rampenlicht folgen und das
Rampenlicht auch ihnen folgt. Andererseits gehören sie nicht zwangsläufig zur
großen Kaste der Berufsschwätzer, sondern genießen wegen ihrer Lebenserfahrung,
ihrer Expertise und/oder ihrer Stellung in einer Partei, Behörde oder sonst
einer Organisation einen gewissen Respekt. Es gibt Situations-Bosbachs wie etwa
jetzt gerade den SPD-Doktor Karl Lauterbach, und es gibt Allgemein-Bosbachs wie
den luxemburgischen Außenminister Jean Asselborn, der zu allem etwas zu sagen
hat, sympathisch ist und als Außenminister von ungefähr 600 000 Luxemburgern ein
wenig an den Diesel-Beauftragten von Tesla erinnert. Und natürlich gibt es viele
Bereichs-Bosbachs, fürs Soziale etwa den backenbärtigen Wohlfahrts-Schneider,
fürs Kritischsein Juli Zeh, für den Transport auf der Schiene den sächsischen
Lokführer Weselsky und für Herzenswärme in der Politik Malu Dreyer.
Als
normaler Mensch, der sein Leben nicht im politischen Berlin oder in einer
Redaktion fristet, begegnet man den scheinbar ubiquitären Was-zu-sagen-Habern
mutwillig oder aus Versehen in Talkshows, im Radio, auf Websites oder in der
Zeitung. Vermutlich lebt Plasberg gegenwärtig mit Lauterbach zusammen, was für
keinen von beiden, stimmte es denn, sehr freudeerregend wäre. Jedenfalls
entwickelt sich zwischen Mikrofonhinhaltern und Ins-Mikrofon-Redner/innen eine
symbiotische Beziehung wie etwa zwischen Putzervögeln und Nilpferden, wobei man
in Berlin nicht immer weiß, wer gerade welche Rolle ausübt.
Nun freut
sich allerdings nicht jeder darüber, wenn man einen dieser häufig Befragten
schon wieder sieht. In der Causa Bosbach/Pofalla zum Beispiel war das so, zumal
da beide aus demselben Landesverband der CDU kamen. Es hieß schon zu Bonner
Zeiten immer, die besten Intrigen und Infights gebe es in Nordrhein-Westfalen,
weswegen wahrscheinlich auch alle drei Kerle, die Kramp-Karrenbauer in der CDU
und Merkel im Kanzleramt nachfolgen wollen, aus NRW sind. Der aussichtsreichste
der Möchtegern-Nachfolger ist wohl gegenwärtig der NRW-Ministerpräsident Armin
Laschet. Der Unterschied zwischen Pofalla und Laschet ist ungefähr der, dass der
eine zu Bosbach damals sagte, er wolle dessen Fresse nicht mehr sehen, und der
andere, wäre er damals in Pofallas Situation gewesen, sanftstimmig für eine auf
Bosbach konzentrierte Maskenpflicht plädiert hätte. Friedrich Merz wiederum –
falls Sie sich nicht mehr an den erinnern: Das ist der Schlaks, der vor dem
Virus mal Erfolgsaussichten zu haben schien – hätte wahrscheinlich die
Mundwinkel nach unten und die Augenbrauen nach oben gezogen, was Bosbach nicht
sehr beeindruckt hätte.
Man muss allerdings zugeben, dass ein Satz wie
der mit der Fresse sogar bei feinfühligen, unaggressiven Menschen manchmal eine
befreiende Wirkung haben kann. Wenn einen einer oder etwas sehr nervt, kann man
schon mal laut mosern, wenn auch vielleicht nicht unbedingt vor vielen Leuten.
Zum Beispiel verhindert das laute Schimpfen, wenn man allein im Auto fährt,
Immunschwächekrankheiten. Und der wiederholte Ausruf „Schwachsinn!“ bei einer
Trump-Pressekonferenz fördert eindeutig die Verdauung.
Ach so: Sie
sollten natürlich nicht den Eindruck haben, Wolfgang Bosbach sei, wie man in
Teilen unserer Leserschaft sagt, ein Zwiderwurz. Er ist ein sehr engagierter
Politiker, ein Familienmensch, der sich aus gesundheitlichen Gründen leider vor
ein paar Jahren aus der Politik zurückgezogen hat. Ja doch, er konnte auch
nerven. Aber er war in Berlin eine Art Institution, was man wiederum von Pofalla
nie sagen konnte.
Auch wenn man über Laschet, Merz, Bosbach und sogar
Pofalla nachdenkt, kommt man zu dem Schluss, dass es außer dem, worüber man
dauernd redet, sehr viele andere Dinge gibt. Man müsste sich nicht einmal mit
dem CDU-Vorsitz beschäftigen – wer will das schon freiwillig außer den
Genannten? –, sondern könnte, meinetwegen, auch einen Termin zum Reifenwechseln
machen, sich darüber wundern, dass innerhalb von einer Woche alle Bäume grün
geworden sind, oder darüber nachdenken, warum man manchmal weniger Geld für mehr
Arbeit kriegt statt andersrum. Man könnte so viele interessante Dinge machen.
Aber da ist ja dieses Virus. Und hier gilt, ganz bestimmt: Ich kann seine Fresse
nicht mehr sehen, obwohl es gar keine hat.
Kurt
Kister Chefredakteur |
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