23/04/2020

Deutscher Alltag
Süddeutsche Zeitung

Donnerstag, 23. April 2020
Sehr geehrter Herr Paukstadt,

im Jahr 2011 gab es einen Kanzleramtsminister, der hieß Ronald Pofalla. Ganz richtig, das ist derselbe Pofalla, den man phänotypisch und ethnisch mit Norbert Röttgen verwechseln könnte, der immer noch CDU-Vorsitzender werden will, falls es vor 2024 noch mal einen CDU-Parteitag geben sollte. Röttgens Kandidatur war allerdings schon vor der Seuche chancenlos. Aber wie sähe die Welt aus, wenn nicht unablässig Menschen Dinge probieren würden, die eigentlich chancenlos sind? Zwar werden diese Dinge auch meistens nichts, und wenn das Ergebnis nicht ganz schlimm ist, dann findet sich bestimmt einer oder eine, der oder die von der „neuen Kultur des Scheiterns“ und der „Fehlertoleranz“ redet. Ich habe nichts gegen Fehler, solange es keine dummen Fehler sind. Wer allerdings die Freiheit, Fehler zu machen, gleich zur Unternehmensphilosophie erhebt, neigt entweder zum Laberschädeltum oder ist ein, vielleicht auch unbewusster, Pofalla-Nahesteher.

Aber eigentlich wollte ich ja vom Kanzleramtsminister Pofalla erzählen. Der nämlich sagte im Oktober 2011 den schönen Satz: „Ich kann deine Fresse nicht mehr sehen.“ Angesprochen wurde damit der CDU-Abgeordnete Wolfgang Bosbach, der damals und auch später noch tatsächlich eine, sagen wir mal, ungewöhnlich große Medienpräsenz hatte. Damals ging es um den Euro, um Griechenland, den Rettungsschirm etc. Bosbach ließ kaum eine Gelegenheit aus, sich mindestens skeptisch gegenüber der sogenannten Rettungspolitik zu äußern. Man musste ihm eigentlich nur ein Mikrofon hinhalten (oder etwas, das so aussah wie ein Mikrofon), und schon begann Bosbach, sich durchaus nachdenklich, aber eindeutig zu distanzieren, nicht vom Mikro, sondern von der Regierungspolitik.

Der Politik- und vor allem der Medien- und Öffentlichkeitsbetrieb braucht Leute wie Bosbach. Sie zeichnen sich einerseits dadurch aus, dass sie dem Rampenlicht folgen und das Rampenlicht auch ihnen folgt. Andererseits gehören sie nicht zwangsläufig zur großen Kaste der Berufsschwätzer, sondern genießen wegen ihrer Lebenserfahrung, ihrer Expertise und/oder ihrer Stellung in einer Partei, Behörde oder sonst einer Organisation einen gewissen Respekt. Es gibt Situations-Bosbachs wie etwa jetzt gerade den SPD-Doktor Karl Lauterbach, und es gibt Allgemein-Bosbachs wie den luxemburgischen Außenminister Jean Asselborn, der zu allem etwas zu sagen hat, sympathisch ist und als Außenminister von ungefähr 600 000 Luxemburgern ein wenig an den Diesel-Beauftragten von Tesla erinnert. Und natürlich gibt es viele Bereichs-Bosbachs, fürs Soziale etwa den backenbärtigen Wohlfahrts-Schneider, fürs Kritischsein Juli Zeh, für den Transport auf der Schiene den sächsischen Lokführer Weselsky und für Herzenswärme in der Politik Malu Dreyer.

Als normaler Mensch, der sein Leben nicht im politischen Berlin oder in einer Redaktion fristet, begegnet man den scheinbar ubiquitären Was-zu-sagen-Habern mutwillig oder aus Versehen in Talkshows, im Radio, auf Websites oder in der Zeitung. Vermutlich lebt Plasberg gegenwärtig mit Lauterbach zusammen, was für keinen von beiden, stimmte es denn, sehr freudeerregend wäre. Jedenfalls entwickelt sich zwischen Mikrofonhinhaltern und Ins-Mikrofon-Redner/innen eine symbiotische Beziehung wie etwa zwischen Putzervögeln und Nilpferden, wobei man in Berlin nicht immer weiß, wer gerade welche Rolle ausübt.

Nun freut sich allerdings nicht jeder darüber, wenn man einen dieser häufig Befragten schon wieder sieht. In der Causa Bosbach/Pofalla zum Beispiel war das so, zumal da beide aus demselben Landesverband der CDU kamen. Es hieß schon zu Bonner Zeiten immer, die besten Intrigen und Infights gebe es in Nordrhein-Westfalen, weswegen wahrscheinlich auch alle drei Kerle, die Kramp-Karrenbauer in der CDU und Merkel im Kanzleramt nachfolgen wollen, aus NRW sind. Der aussichtsreichste der Möchtegern-Nachfolger ist wohl gegenwärtig der NRW-Ministerpräsident Armin Laschet. Der Unterschied zwischen Pofalla und Laschet ist ungefähr der, dass der eine zu Bosbach damals sagte, er wolle dessen Fresse nicht mehr sehen, und der andere, wäre er damals in Pofallas Situation gewesen, sanftstimmig für eine auf Bosbach konzentrierte Maskenpflicht plädiert hätte. Friedrich Merz wiederum – falls Sie sich nicht mehr an den erinnern: Das ist der Schlaks, der vor dem Virus mal Erfolgsaussichten zu haben schien – hätte wahrscheinlich die Mundwinkel nach unten und die Augenbrauen nach oben gezogen, was Bosbach nicht sehr beeindruckt hätte.

Man muss allerdings zugeben, dass ein Satz wie der mit der Fresse sogar bei feinfühligen, unaggressiven Menschen manchmal eine befreiende Wirkung haben kann. Wenn einen einer oder etwas sehr nervt, kann man schon mal laut mosern, wenn auch vielleicht nicht unbedingt vor vielen Leuten. Zum Beispiel verhindert das laute Schimpfen, wenn man allein im Auto fährt, Immunschwächekrankheiten. Und der wiederholte Ausruf „Schwachsinn!“ bei einer Trump-Pressekonferenz fördert eindeutig die Verdauung.

Ach so: Sie sollten natürlich nicht den Eindruck haben, Wolfgang Bosbach sei, wie man in Teilen unserer Leserschaft sagt, ein Zwiderwurz. Er ist ein sehr engagierter Politiker, ein Familienmensch, der sich aus gesundheitlichen Gründen leider vor ein paar Jahren aus der Politik zurückgezogen hat. Ja doch, er konnte auch nerven. Aber er war in Berlin eine Art Institution, was man wiederum von Pofalla nie sagen konnte.

Auch wenn man über Laschet, Merz, Bosbach und sogar Pofalla nachdenkt, kommt man zu dem Schluss, dass es außer dem, worüber man dauernd redet, sehr viele andere Dinge gibt. Man müsste sich nicht einmal mit dem CDU-Vorsitz beschäftigen – wer will das schon freiwillig außer den Genannten? –, sondern könnte, meinetwegen, auch einen Termin zum Reifenwechseln machen, sich darüber wundern, dass innerhalb von einer Woche alle Bäume grün geworden sind, oder darüber nachdenken, warum man manchmal weniger Geld für mehr Arbeit kriegt statt andersrum. Man könnte so viele interessante Dinge machen. Aber da ist ja dieses Virus. Und hier gilt, ganz bestimmt: Ich kann seine Fresse nicht mehr sehen, obwohl es gar keine hat.

Kurt Kister
Chefredakteur