05/11/2021

Was macht Angela Merkel eigentlich jetzt?
t-online tagesanbruch

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Guten Morgen, liebe Leserin, lieber Leser,

die letzten Wochen sind angebrochen. Jetzt ist jeder Termin und jeder Besuch das letzte Mal. Die anderen Mächtigen auf dem G20-Gipfel in Rom applaudierten ihr stehend. Emmanuel Macron hat ihr im Burgund einen rührenden Empfang bereitet und sie zum Abschied innig liebkost: "Frankreich liebt Dich!" Sie war sichtlich gerührt. Lange hat sie sich schwergetan mit dem endgültigen Abschied von der großen Bühne, aber jetzt weiß sie: Es muss sein. Loslassen. Die anderen ans Ruder lassen. Wenn alles läuft wie geplant, dann ist sie in einem Monat raus. Sie will ihr Haus geordnet übergeben, deshalb bindet sie Olaf Scholz und dessen Leute schon jetzt in alle wichtigen Themen ein, die man eben auf dem Schreibtisch hat, wenn man der mächtigste Mensch Europas ist.

Das ist keinesfalls selbstverständlich in der von Rivalitäten, Eitelkeiten und Machtkämpfen durchzogenen Welt der Spitzenpolitik. Aber sie will es so. Will es anständig machen. Angela Merkel ist drauf und dran, zu schaffen, was keiner ihrer männlichen Vorgänger geschafft hat: aus freien Stücken, geordnet und ohne Groll aus dem Bundeskanzleramt zu scheiden. In einer Demokratie mag das nach einer Selbstverständlichkeit klingen, ist es aber beileibe nicht. Macht ist verführerisch, und in der einen oder anderen Form ist ihr jeder Staatschef erlegen. Am Ende schieden alle ihre Vorgänger mit Makeln aus der Regierung aus: weggemobbt, abgewählt oder über Skandale gestolpert.

Sie nicht. Sie tritt in Würde ab und erfreut sich in der Bevölkerung immer noch enormer Popularität. Man muss hier nicht die Anerkennung wiederholen, die ihr an früherer Stelle im Tagesanbruch gewidmet wurde, aber man kann durchaus noch einmal feststellen: Trotz mancher schwerer Fehler und Versäumnisse ist nach Merkels knapp 16-jähriger Kanzlerschaft eine überwiegend positive Bilanz zu ziehen. In einer Zeit permanenter Krisen hat sie das Land auf Kurs gehalten, die Mehrheit der Bürger lebt in Stabilität, Wohlstand und Sicherheit. Angesichts der Zerwürfnisse andernorts in Europa und auf der Welt, eingedenk all der Orbáns, Morawieckis, Salvinis, Trumps, Erdoğans und Putins ist das bemerkenswert.

Dennoch kann man Fragen zu Frau Merkels Wirken stellen, und am besten stellt man sie einer Kollegin, die sich monatelang akribisch mit dem Leben und Handeln der ersten deutschen Kanzlerin beschäftigt hat: Unsere geschätzte Kolumnistin Ursula Weidenfeld hat ein fesselndes Buch über Angela Merkels Regierungszeit geschrieben: "Die Kanzlerin. Porträt einer Epoche". Fragen wir also die Autorin, was wir heute Morgen wissen wollen:

Wie hat es Angela Merkel geschafft, so lange an der Macht zu bleiben?

Ursula Weidenfeld: Sie hat ihre Partei zu einer Regierungs- und Machtpartei der Mitte gemacht, die mit nahezu jeder anderen Partei – außer der AfD und der Linken – koalieren konnte. Dafür hat die CDU ihr konservatives Profil aufgeben müssen. Aber sie blieb 16 Jahre lang die Partei, gegen die keine Mehrheit im Bundestag zu schmieden war.

Und welche Eigenschaften zeichnen Frau Merkel als Politikerin aus?

Intelligenz, Misstrauen und die Geduld, erst im letzten möglichen Moment zu entscheiden – wenn alle anderen schon gesagt haben, was sie wollen. Angela Merkel verbirgt ihre eigenen Vorstellungen und schlüpft in die Rolle der ehrlichen Maklerin der Interessen.

Wie hat sie sich dabei in den knapp 16 Jahren ihrer Kanzlerschaft verändert?

Angetreten ist sie mit einem liberalen Programm zur Reform von Wirtschaft und Gesellschaft. Davon ist nichts übrig geblieben. Ihre eigenen politischen Ziele hat sie dem Wähler nie wieder zur Entscheidung vorgelegt. Stattdessen hat sie dem Land nur versprochen, es gut zu regieren. Franz Müntefering hat dazu einmal gesagt: Wenn man mit Angela Merkel in ein Flugzeug steigt, weiß man, dass man sicher landen wird. Man weiß nur nicht, wo.

Was ist Merkels größte politische Leistung als Bundeskanzlerin?

Sie hat im Sommer 2015 die Eurozone zusammengehalten, als Griechenland schon fast draußen war. In Krisen hat sie immer gezeigt, was sie kann: die Nerven behalten, bis zum letzten Moment verhandeln und dann entscheiden. Im Rückblick sind das die Eigenschaften, die Europa in seinen kritischsten Momenten stabilisiert haben.

Und was war ihr größtes Versäumnis?

In Krisen gut zu reagieren, aber die Sache danach schleifen zu lassen. Bei der Finanz-, der Euro- und der Migrationskrise hat sie die akute Situation immer sehr gut bewältigt – danach aber viel zu wenig Energie aufgewendet, um das Land widerstandsfähiger zu machen. Das gilt auch und vor allem für die Klimakrise.

Welche Rolle hat sie für die Emanzipation von Frauen in der Politik gespielt?

Dass eine ganze Generation von Mädchen und Jungen sich heute fragt, ob eigentlich auch ein Mann Kanzler werden kann, beweist, dass die Kanzlerin vor allem als Rollenvorbild gewirkt hat. Als Feministin hat sie sich selbst nie empfunden, wenn sie auch als Frauenministerin im Kabinett Helmut Kohls ihr Erstaunen über die konservative westdeutsche Männer-CDU nie verbergen konnte.

Ist Frau Merkel also eine so große Kanzlerin wie Willy Brandt und Helmut Kohl?

Schwere Frage. Angela Merkel fehlen große politische Leistungen, wie es die Ostpolitik für Willy Brandt oder die Wiedervereinigung für Helmut Kohl waren. Sie ist vielleicht eher mit Helmut Schmidt zu vergleichen. Ich glaube ja, dass sie eine moderne Antwort für die Rolle Deutschlands in Europa und in der internationalen Politik entwickelt hat: sich seiner Stärke bewusst zu sein und dennoch nicht anmaßend und dominierend aufzutreten. Ich bezweifle allerdings, dass das reicht, um am Ende in den Geschichtsbüchern als "große Kanzlerin" gelobt zu werden.

Letzte Frage: Was wird Angela Merkel wohl in den kommenden Jahren machen?

Keine Ahnung. Sie weiß es ja nicht einmal selbst. Viele denken, dass sie sich irgendwann für den Klimaschutz engagieren wird, dass sie vielleicht ein Buch schreibt oder ein paar Semester an einer amerikanischen Spitzenuniversität lehren könnte. Aber wie gesagt: Niemand weiß es.