
| Sehr geehrter Herr
Paukstadt, | | |
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Anfangen ist das Schönste,
Aufhören das Schwerste. Die bisherigen Kanzler der Bundesrepublik haben diesen
Zeitpunkt nicht gefunden. Schon der erste, Konrad Adenauer, fand ihn nicht. Und
Helmut Kohl, unter dessen Kanzlerschaft Angela Merkel ihre ersten politischen
Schritte getan hat, fand ihn auch nicht. Bei Merkel wäre, wären die Zeiten
normal gewesen, nach drei Legislaturperioden die richtige Zeit gewesen für den
großen Abschied. Aber die Zeiten waren nicht normal. Die USA wurden von einem
neuen unberechenbaren Präsidenten regiert, weltweit brachen die alten
Nationalismen neu auf. Europa und die USA torkelten in eine ungewisse Zukunft.
Merkel trat ein viertes Mal als Kanzlerin an. Sie tat es weniger aus Lust, denn
aus Pflicht. Aber das reichte und reicht nicht. Es war ein Fehler.
Der
Übergang von Merkel auf Herrn oder Frau X ist nicht nur für die CDU/CSU, sondern
auch für das Land in der Corona-Krise schwieriger, als er es damals, 2017,
gewesen wäre. Seit damals, seit Beginn ihrer vierten Kanzlerschaft, ist bei
Merkel das Schwinden von Kraft und Macht zu spüren. Regierungserfahrung,
Seriosität und Solidität sind ein guter Dreiklang, aber keine Garantie für
Erfolg; sie hat ihn nicht mehr. Die Rücknahme des kurz zuvor von ihr und der
Ministerpräsidentenrunde verordneten verschärften Oster-Lockdowns, "Ruhetage"
genannt, war spektakulär und respektabel – aber auch bezeichnend für Merkels
prekäre Befindlichkeit. Es war der Versuch, ihre Führung-, Lenkungs- und
Leitungsschwäche mit großer Geste in eine Stärke zu verwandeln.
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