28/03/2021

Prantls Blick

 


Sehr geehrter Herr Paukstadt,
Anfangen ist das Schönste, Aufhören das Schwerste. Die bisherigen Kanzler der Bundesrepublik haben diesen Zeitpunkt nicht gefunden. Schon der erste, Konrad Adenauer, fand ihn nicht. Und Helmut Kohl, unter dessen Kanzlerschaft Angela Merkel ihre ersten politischen Schritte getan hat, fand ihn auch nicht. Bei Merkel wäre, wären die Zeiten normal gewesen, nach drei Legislaturperioden die richtige Zeit gewesen für den großen Abschied. Aber die Zeiten waren nicht normal. Die USA wurden von einem neuen unberechenbaren Präsidenten regiert, weltweit brachen die alten Nationalismen neu auf. Europa und die USA torkelten in eine ungewisse Zukunft. Merkel trat ein viertes Mal als Kanzlerin an. Sie tat es weniger aus Lust, denn aus Pflicht. Aber das reichte und reicht nicht. Es war ein Fehler.

Der Übergang von Merkel auf Herrn oder Frau X ist nicht nur für die CDU/CSU, sondern auch für das Land in der Corona-Krise schwieriger, als er es damals, 2017, gewesen wäre. Seit damals, seit Beginn ihrer vierten Kanzlerschaft, ist bei Merkel das Schwinden von Kraft und Macht zu spüren. Regierungserfahrung, Seriosität und Solidität sind ein guter Dreiklang, aber keine Garantie für Erfolg; sie hat ihn nicht mehr. Die Rücknahme des kurz zuvor von ihr und der Ministerpräsidentenrunde verordneten verschärften Oster-Lockdowns, "Ruhetage" genannt, war spektakulär und respektabel – aber auch bezeichnend für Merkels prekäre Befindlichkeit. Es war der Versuch, ihre Führung-, Lenkungs- und Leitungsschwäche mit großer Geste in eine Stärke zu verwandeln.

https://nl-link.sueddeutsche.de/u/gm.php?prm=WxUrWOvIp9_783191557_2321098_1171