In vielen Ländern Europas sucht man so eine Person vergebens, doch hierzulande gibt es sie: Karl Lauterbach zählt zu den renommiertesten Corona-Deutern, wenige haben so viel Epidemie-Expertise wie er. Nicht nur, dass er nachts um zwei in den neuesten Studien schmökert. Er kann sie auch bewerten, einordnen und vor allem so erklären, dass auch Laien sie verstehen. Seit Beginn der Pandemie erteilt er quasi wöchentlich Ratschläge, wie das Land auf die Herausforderungen reagieren sollte, und meistens hat er recht. In der Politik kennt er sich auch aus. In einem normalen Land wäre so einer während der größten Gesundheitskrise seit Jahrzehnten die perfekte Besetzung für das Gesundheitsministerium.
Doch normal sind die Verhältnisse in der deutschen Politik schon lange nicht mehr. Taktik, Befindlichkeiten, Misstrauen und Seilschaften zählen dort mehr als fachliche Qualifikation. Zwar haben die FDP und die Grünen ihre Ministerkandidaten bereits benannt, die künftige Kanzlerpartei SPD aber noch nicht. Olaf Scholz fürchtet offenbar, dass sich in seiner eigenen Truppe Protest regt, wenn er den Karl nicht zum Minister kürt. Er will die Entscheidung über die Besetzung der Ministerien und damit auch des wichtigsten Jobs hinauszögern, bis der digitale Parteitag am Samstag den Koalitionsvertrag abgenickt hat. Nicht, dass da noch etwas schiefgeht und ein paar Rächer in den eigenen Reihen gegen den mühsam ausgehandelten Vertrag stimmen.