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| Kerzenmeer im Gedenken an Corona-Tote.
(Quelle: Roland Schlager/dpa) | |
Guten Morgen, liebe Hörerinnen und
Hörer,
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| Zeit ist ein seltsamer Zustand. Sie kann verfliegen
und sie kann dahinschleichen. Ein Physiker könnte uns das Phänomen erläutern,
indem er viel über Raum und Masse erzählt, aber das erklärt nicht, warum zwei
Menschen am selben Ort das Geschehen vollkommen unterschiedlich empfinden
können. Noch geheimnisvoller wird die Zeit, wenn Millionen Menschen Zeugen
derselben Ereignisse werden – aber sie ganz unterschiedlich wahrnehmen. In
diesem zu Ende gehenden Jahr 2020 haben wir alle die verschiedenen Phasen der
Corona-Seuche durchlebt: den Lockdown nach dem Ausbruch im Frühjahr, die
schwankende Hoffnung im Sommer, das Hin und Her im Herbst und den Schock der
zweiten Welle im Winter. Aber jeder von uns wird dabei individuelle Gefühle
verspürt haben und zu eigenen Erkenntnissen gelangt sein.
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| So ein Jahr macht etwas mit uns. Die Erfahrungen
graben sich in unser Bewusstsein und erst recht in unser Unterbewusstsein ein
und werden dort in Zukunft Einfluss auf unsere Empfindungen und Entscheidungen
nehmen. Auch dann noch, wenn die Mehrheit der Menschen längst geimpft, die
Pandemie abgeklungen ist und die Aufregung sich gelegt hat. Heute reden wir noch
ununterbrochen über Infektionszahlen, Hygieneregeln, soziale Isolation und
gelebte Solidarität – in einigen Monaten oder gar Jahren werden wir über ganz
andere Themen sprechen, aber trotzdem immer noch die Spuren des Corona-Jahres in
unserer Psyche tragen. Auf unserer Persönlichkeit bleibt der Stempel der
individuellen und der kollektiven Krisenerfahrung haften. Historische Ereignisse
sind eben nicht dadurch abgeschlossen, dass sie irgendwann in Geschichtsbüchern
stehen. Sie setzen sich in sozialen Beziehungen, politischen Entwicklungen und
kulturellen Trends fort. | |
| Glauben Sie nicht? Lassen Sie uns ein kleines
Experiment machen. Blicken wir einmal kurz 100 Jahre zurück und sehen uns
an, was unsere Vorfahren im Jahr 1920 bewegt hat. Hier eine Auswahl der
Ereignisse: | |
| Im Januar tritt der Versailler Friedensvertrag in
Kraft, der Deutschland die Hauptschuld am Weltkrieg zuweist, Europa
vorübergehend befriedet und zugleich einen Keim für den noch grausameren Zweiten
Weltkrieg fast 20 Jahre später legt. Kurz darauf tritt in Berlin erstmals eine
Kapelle auf, die eine neuartige Musik spielt: Jazz.
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| Im Februar verkündet Adolf Hitler das
25-Punkte-Programm einer Splitterpartei, der er kurz zuvor beigetreten ist. Er
nennt sie nun "Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei". Zur ersten
Versammlung im Münchner Hofbräuhaus kommen keine 2.000 Menschen zusammen.
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| Im März scheitert der Putsch nationalistischer und
rechtsextremistischer Aktivisten um den Generallandschaftsdirektor Wolfgang Kapp
gegen die Weimarer Republik. Die Regierung schlägt den Aufstand nieder, geht
anschließend aber nachlässig mit der Verschwörerszene um. In der Folge
radikalisieren die Rechten sich weiter, auf der Linken entsteht die "Rote
Ruhrarmee". | |
| Im April erschüttern bürgerkriegsähnliche Zustände
das Ruhrgebiet, französische Truppen marschieren ein und besetzen auch Frankfurt
am Main. | |
| Im Mai erringen rechte Parteien bei den
Landtagswahlen bedeutende Erfolge. Das "Reichslichtspielgesetz" tritt in Kraft
und beschränkt die Aufführung pornografischer Filme in Kinos. Zugleich entsteht
eine gesellschaftliche Emanzipationsbewegung, die sexuelle Tabus aufbricht.
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| Im Juni erleiden demokratische Parteien bei den
Landtagswahlen drastische Verluste, die Extremisten rechts und links erstarken
weiter. In München stirbt der Wirtschaftshistoriker Max Weber, nachdem er die
Grundlagen der Sozial- und Politikwissenschaft gelegt hat.
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| Im Juli streiten sich die Chefdiplomaten aus
Deutschland, Großbritannien und Frankreich auf der Konferenz von Spa über die
Erfüllung des Versailler Friedensvertrags. Am Ende können die Deutschen einige
Erleichterungen ihrer Kriegsschulden durchsetzen, aber die Atmosphäre zwischen
den Staaten ist eisig. | |
| Im August besiegt Polen in einem kurzen Krieg die
Rote Armee des viel größeren Russlands. Die sowjetische Führung in Moskau
schwört Rache und impft der Bevölkerung einen antipolnischen Patriotismus ein.
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| Im September veröffentlicht Ernst Jünger seine
Tagebuchaufzeichnungen aus dem Ersten Weltkrieg: "In Stahlgewittern". Die
schonungslose Beschreibung des Abschlachtens an der Westfront wird von
Pazifisten als Manifest gegen den Militarismus gefeiert – und von
Rechtsextremisten als Zeugnis deutscher Nibelungenstärke verherrlicht.
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| Im Oktober läuft die Entwaffnung der deutschen
Bevölkerung auf Hochtouren. Die Bürger müssen an Sammelstellen ihre Karabiner
und Pistolen abgeben, es kommen aber auch haufenweise Maschinengewehre,
Flammenwerfer und Geschütze zutage. Zugleich schmieden rechtsmilitaristische
Kreise Pläne für die heimliche Wiederbewaffnung.
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| Im November tritt in Genf die Hauptversammlung des
neu gegründeten Völkerbundes erstmals zusammen. Delegierte aus 42 Ländern sollen
den Weltfrieden sichern, doch es fehlen drei der wichtigsten Staaten: die USA,
Russland – und Deutschland. Die Weimarer Republik darf erst sechs Jahre später
beitreten, aber da ist es eigentlich schon zu spät.
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| Im Dezember wird in Berlin Arthur Schnitzlers
Theaterstück "Der Reigen" uraufgeführt. Es besteht aus einer Abfolge amouröser
Szenen mit ständigem Partnertausch in verschiedenen gesellschaftlichen Milieus
und skizziert ein libertäres Liebesleben, das erst die 68er-Bewegung rund 50
Jahre später gesellschaftlich durchsetzen wird.
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Schlaglichter aus dem Jahr 1920: Können sie uns
heute noch etwas sagen, außer, dass sie eben in Geschichtsbüchern stehen?
Allerdings. Alle diese Ereignisse (und viele, viele weitere) haben Folgen bis in
unsere heutige Zeit. Sie haben politische, gesellschaftliche und kulturelle
Entwicklungen verursacht, die unseren Kontinent, unser Land und uns selbst bis
heute prägen – und die auch im Leben unserer Kinder und Enkel bedeutende Rollen
spielen werden. Geschichte ist keine Abfolge singulärer Ereignisse mit leblosen
Jahreszahlen, sie ist ein ständiger Strom aus Erlebnissen und Entscheidungen,
aus Kontinuitäten und Brüchen, aus Reaktion und
Gegenreaktion.
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Außergewöhnliche Jahre schlagen in diesem Strom
besonders hohe Wellen. Deshalb ist es doch eine gute Idee, dass mein lieber
Kollege Marc Krüger und ich zum Abschluss dieses Jahres in unserem Podcast auf
die Wegmarken 2020 zurückblicken, oder? Das Beste aber: Wir nehmen Sie mit.
Folgen Sie uns bitte auf eine kleine Zeitreise, indem Sie hier und jetzt auf den
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So, und was empfehle ich Ihnen heute für die Ohren?
Natürlich die schönste Weihnachtsmusik, die ich kenne: das Weihnachtsoratorium von Camille Saint-Saëns. Damit
werden Ihre Festtage wahrlich ein Fest, versprochen. Ich bedanke mich sehr
herzlich für ihre Treue in diesem Jahr, auch im Namen der anderen
Tagesanbruch-Autoren und der gesamten Redaktion von t-online. Wir alle wünschen
Ihnen und Ihren Lieben eine frohe Weihnachtszeit und einen guten Rutsch ins neue
Jahr. Nach dem Dreikönigstag, am 7. Januar, ist der Tagesanbruch wieder für Sie
da. Bleiben Sie bitte gesund.
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Mit Material von dpa.
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