19/12/2020

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MEINUNG Was heute wichtig ist
Florian Harms
Von Florian Harms
Samstag, 19. Dezember 2020
Corona hat noch sehr lange Folgen für jeden einzelnen Bürger. Kerzenmeer im Gedenken an Corona-Tote.
Kerzenmeer im Gedenken an Corona-Tote. (Quelle: Roland Schlager/dpa)
Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer,
Zeit ist ein seltsamer Zustand. Sie kann verfliegen und sie kann dahinschleichen. Ein Physiker könnte uns das Phänomen erläutern, indem er viel über Raum und Masse erzählt, aber das erklärt nicht, warum zwei Menschen am selben Ort das Geschehen vollkommen unterschiedlich empfinden können. Noch geheimnisvoller wird die Zeit, wenn Millionen Menschen Zeugen derselben Ereignisse werden – aber sie ganz unterschiedlich wahrnehmen. In diesem zu Ende gehenden Jahr 2020 haben wir alle die verschiedenen Phasen der Corona-Seuche durchlebt: den Lockdown nach dem Ausbruch im Frühjahr, die schwankende Hoffnung im Sommer, das Hin und Her im Herbst und den Schock der zweiten Welle im Winter. Aber jeder von uns wird dabei individuelle Gefühle verspürt haben und zu eigenen Erkenntnissen gelangt sein. 
So ein Jahr macht etwas mit uns. Die Erfahrungen graben sich in unser Bewusstsein und erst recht in unser Unterbewusstsein ein und werden dort in Zukunft Einfluss auf unsere Empfindungen und Entscheidungen nehmen. Auch dann noch, wenn die Mehrheit der Menschen längst geimpft, die Pandemie abgeklungen ist und die Aufregung sich gelegt hat. Heute reden wir noch ununterbrochen über Infektionszahlen, Hygieneregeln, soziale Isolation und gelebte Solidarität – in einigen Monaten oder gar Jahren werden wir über ganz andere Themen sprechen, aber trotzdem immer noch die Spuren des Corona-Jahres in unserer Psyche tragen. Auf unserer Persönlichkeit bleibt der Stempel der individuellen und der kollektiven Krisenerfahrung haften. Historische Ereignisse sind eben nicht dadurch abgeschlossen, dass sie irgendwann in Geschichtsbüchern stehen. Sie setzen sich in sozialen Beziehungen, politischen Entwicklungen und kulturellen Trends fort.
Glauben Sie nicht? Lassen Sie uns ein kleines Experiment machen. Blicken wir einmal kurz 100 Jahre zurück und sehen uns an, was unsere Vorfahren im Jahr 1920 bewegt hat. Hier eine Auswahl der Ereignisse:
Im Januar tritt der Versailler Friedensvertrag in Kraft, der Deutschland die Hauptschuld am Weltkrieg zuweist, Europa vorübergehend befriedet und zugleich einen Keim für den noch grausameren Zweiten Weltkrieg fast 20 Jahre später legt. Kurz darauf tritt in Berlin erstmals eine Kapelle auf, die eine neuartige Musik spielt: Jazz.
Im Februar verkündet Adolf Hitler das 25-Punkte-Programm einer Splitterpartei, der er kurz zuvor beigetreten ist. Er nennt sie nun "Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei". Zur ersten Versammlung im Münchner Hofbräuhaus kommen keine 2.000 Menschen zusammen.
Im März scheitert der Putsch nationalistischer und rechtsextremistischer Aktivisten um den Generallandschaftsdirektor Wolfgang Kapp gegen die Weimarer Republik. Die Regierung schlägt den Aufstand nieder, geht anschließend aber nachlässig mit der Verschwörerszene um. In der Folge radikalisieren die Rechten sich weiter, auf der Linken entsteht die "Rote Ruhrarmee".
Im April erschüttern bürgerkriegsähnliche Zustände das Ruhrgebiet, französische Truppen marschieren ein und besetzen auch Frankfurt am Main.
Im Mai erringen rechte Parteien bei den Landtagswahlen bedeutende Erfolge. Das "Reichslichtspielgesetz" tritt in Kraft und beschränkt die Aufführung pornografischer Filme in Kinos. Zugleich entsteht eine gesellschaftliche Emanzipationsbewegung, die sexuelle Tabus aufbricht.
Im Juni erleiden demokratische Parteien bei den Landtagswahlen drastische Verluste, die Extremisten rechts und links erstarken weiter. In München stirbt der Wirtschaftshistoriker Max Weber, nachdem er die Grundlagen der Sozial- und Politikwissenschaft gelegt hat.
Im Juli streiten sich die Chefdiplomaten aus Deutschland, Großbritannien und Frankreich auf der Konferenz von Spa über die Erfüllung des Versailler Friedensvertrags. Am Ende können die Deutschen einige Erleichterungen ihrer Kriegsschulden durchsetzen, aber die Atmosphäre zwischen den Staaten ist eisig.
Im August besiegt Polen in einem kurzen Krieg die Rote Armee des viel größeren Russlands. Die sowjetische Führung in Moskau schwört Rache und impft der Bevölkerung einen antipolnischen Patriotismus ein.
Im September veröffentlicht Ernst Jünger seine Tagebuchaufzeichnungen aus dem Ersten Weltkrieg: "In Stahlgewittern". Die schonungslose Beschreibung des Abschlachtens an der Westfront wird von Pazifisten als Manifest gegen den Militarismus gefeiert – und von Rechtsextremisten als Zeugnis deutscher Nibelungenstärke verherrlicht.
Im Oktober läuft die Entwaffnung der deutschen Bevölkerung auf Hochtouren. Die Bürger müssen an Sammelstellen ihre Karabiner und Pistolen abgeben, es kommen aber auch haufenweise Maschinengewehre, Flammenwerfer und Geschütze zutage. Zugleich schmieden rechtsmilitaristische Kreise Pläne für die heimliche Wiederbewaffnung.
Im November tritt in Genf die Hauptversammlung des neu gegründeten Völkerbundes erstmals zusammen. Delegierte aus 42 Ländern sollen den Weltfrieden sichern, doch es fehlen drei der wichtigsten Staaten: die USA, Russland – und Deutschland. Die Weimarer Republik darf erst sechs Jahre später beitreten, aber da ist es eigentlich schon zu spät.
Im Dezember wird in Berlin Arthur Schnitzlers Theaterstück "Der Reigen" uraufgeführt. Es besteht aus einer Abfolge amouröser Szenen mit ständigem Partnertausch in verschiedenen gesellschaftlichen Milieus und skizziert ein libertäres Liebesleben, das erst die 68er-Bewegung rund 50 Jahre später gesellschaftlich durchsetzen wird.
Schlaglichter aus dem Jahr 1920: Können sie uns heute noch etwas sagen, außer, dass sie eben in Geschichtsbüchern stehen? Allerdings. Alle diese Ereignisse (und viele, viele weitere) haben Folgen bis in unsere heutige Zeit. Sie haben politische, gesellschaftliche und kulturelle Entwicklungen verursacht, die unseren Kontinent, unser Land und uns selbst bis heute prägen – und die auch im Leben unserer Kinder und Enkel bedeutende Rollen spielen werden. Geschichte ist keine Abfolge singulärer Ereignisse mit leblosen Jahreszahlen, sie ist ein ständiger Strom aus Erlebnissen und Entscheidungen, aus Kontinuitäten und Brüchen, aus Reaktion und Gegenreaktion.
Außergewöhnliche Jahre schlagen in diesem Strom besonders hohe Wellen. Deshalb ist es doch eine gute Idee, dass mein lieber Kollege Marc Krüger und ich zum Abschluss dieses Jahres in unserem Podcast auf die Wegmarken 2020 zurückblicken, oder? Das Beste aber: Wir nehmen Sie mit. Folgen Sie uns bitte auf eine kleine Zeitreise, indem Sie hier und jetzt auf den Play-Button tippen:
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So, und was empfehle ich Ihnen heute für die Ohren? Natürlich die schönste Weihnachtsmusik, die ich kenne: das Weihnachtsoratorium von Camille Saint-Saëns. Damit werden Ihre Festtage wahrlich ein Fest, versprochen. Ich bedanke mich sehr herzlich für ihre Treue in diesem Jahr, auch im Namen der anderen Tagesanbruch-Autoren und der gesamten Redaktion von t-online. Wir alle wünschen Ihnen und Ihren Lieben eine frohe Weihnachtszeit und einen guten Rutsch ins neue Jahr. Nach dem Dreikönigstag, am 7. Januar, ist der Tagesanbruch wieder für Sie da. Bleiben Sie bitte gesund.
Herzliche Grüße,
Ihr
Florian Harms
Chefredakteur t-online
E-Mail: t-online-newsletter@stroeer.de
Mit Material von dpa.

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